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08 | 09 | 2010
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Stade: Der neue Kohlenpott Deutschlands ?

Nach den ursprünglichen Plänen sollten in der Stadt Stade in den nächsten Jahren drei neue Kohlekraftwerke gebaut werden. Inzwischen hat der französische Konzern GdF Suez seinen Plan, in Bützfleth ein 800 MW-Kraftwerk zu errichten, aufgegeben, nachdem eine Klage eines Anliegers aus der BI Bützfleth gegen den Bebauungsplan vor dem Verwaltungsgericht erfolgreich war und man einsehen musste, dass wegen der unmittelbaren Nähe zur Wohnbebauung eine Einhaltung der gesetzlichen Lärmschutzwerte nicht möglich war. Eon plant auf dem Gelände des ehemaligen Atomkraftwerks ein Kohlekraftwerk mit einer elektrischen Leistung von 1100 MW und schließlich arbeitet auch die Dow an einem Konzept für ein Kohlekraftwerk mit 900 MW Leistung. Allerdings sucht die Firma für ihr innovatives Konzept mit zusätzlicher Verbrennung mit Wassserstoff und der Nutzung von Prozesswärme noch einen Partner aus dem Energiebereich, nachdem EnBw sich daraus verabschiedet hat. Für ein daneben geplantes Gaskraftwerk mit rund 300 MW Leistung auf dem Dow-Gelände ist die erste Teilerrichtungsgenehmigung erteilt und die Baumaßnahmen haben bereits begonnen. Schließlich hat auch die Firma Prokon Nord bereits die Genehmigung für den Bau einer Ersatzbrennstoff(Müll-)Verbrennungsnalge mit einer Kapazität von 25 MW. Werden alle Pläne in die Tat umgesetzt, können am Ende hier 2.325 MW Strom erzeugt werden, das ist fast das 4fache des ehemaligen Atomkraftwerks und ausreichend für den Strombedarf von 4 Millionen Menschen.

An Baumaßnahmen ist das aber noch nicht alles. Jedes Kohlekraftwerk braucht voraussichtlich eine eigene Kaianlage, um die Versorgung mit 2,5 bis 3 Mio. Tonnen Überseekohle je Kraftwerk und Jahr effizient sicherzustellen. Daneben plant das Land Niedersachsen eine erhebliche Ausweitung des Bützflether Hafens, weil die Kapazitäten in Hamburg langsam zu Ende gehen. Und dieser Hafen hat natürlich nicht nur eine Seeseite, sondern auch eine Landseite, auf der Straßen und Schienen für den Weitertransport der Güter benötigt werden. Dass die bisher vorhandenen dafür nicht ausreichen, ist keine Frage. Und auch die Kraftwerke werden zusammen rund 2 Mio. Tonnen Reststoffe produzieren, die weiter transportiert und entsorgt werden müssen. Auf die Stadt kommt da noch einiges an Infrastrukturmaßnahmen zu, Für anderes als Industriefördermaßnahmen bleibt da in den nächsten zehn Jahren kein Geld übrig.

Wir halten diese Entwicklung nicht nur im Hinblick auf das globale Klima für unverantwortlich, sondern auch regional für höchst problematisch und möchten im Folgenden einige Argumente und Gegenargumente näher beleuchten.


1. Warum bauen alle ausgerechnet hier?

Preiswerte Kohle kommt heute aus Australien, Südafrika, Kolumbien und (noch) aus China (wo sie – nebenbei bemerkt – unter katastrophalen Arbeits- und Sicherheitsbedingungen abgebaut wird), auf jeden Fall aus Übersee und da ist ein Standort mit direkter Hafenanbin-dung ein klarer Kostenvorteil. Dazu kommt, dass das Wasser der Elbe zum Kühlen verwen-det werden kann (zu den Folgen für die Elbe weiter unten) und so ein Kühlturm, der zusätzli-che Kosten verursacht und den Wirkungsgrad mindert, vermieden werden kann.

Das zweite Argument, dass für die drei Küstenstandorte Stade, Brunsbüttel und Wilhelmsha-ven spricht, ist die bisherige Willfährigkeit der örtlichen Politik und der Bevölkerung, die an allen drei Orten die Ansiedlungsvorhaben mehrheitlich begrüßten hat, so als habe es eine Klimadebatte nie gegeben. An anderen Standorten sieht das zum Glück anders aus: In Ensdorf (Saarland), Mainz, Bremen und Bielefeld wurden Kohlekraftwerke abgelehnt – von den unterschiedlichsten politischen Bündnissen.


2. Wieviel CO2 erzeugt ein Kohlekraftwerk und welche Klimaauswirkung hat das?

Ein 800-MW-Kohlekraftqwerk verursacht bei Vollastbetrieb jährlich rund 4,5 Mio. Tonnen CO2. Die in Stade geplanten Anlagen werden zusammen pro Jahr rund 12 Mio. Tonnen CO2 in die Luft blasen. Selbst angesichts von 453 Mio. Tonnen CO2, die die gesamte Energiewirtschaft heute in Deutschland produziert, ist das ziemlich viel. Die Bundesregierung hat jedoch richtigerweise beschlossen, dass dieser Wert bis 2020 um 40% und bis 2050 um 80 % sinken muss, wenn eine weltweite Klimakatastrophe vermieden werden soll.

Vielleicht ist das 2020-Ziel noch erreichbar, wenn andernorts massiv auf regenerative Ener-gien und Einsparungen gesetzt würde (was nicht passiert), aber die jetzt geplanten Kraftwer-ke werden wegen ihrer hohen Investitionskosten auch noch 2050 im Betrieb sein müssen, damit sie sich rechnen. Angesichts einer Zielzahl von 90 Mio. Tonnen CO2-Ausstoß bundesweit 2050 wird deutlich, wie unverantwortlich die Installation von Anlagen mit einem Ausstoß von 12 Mio. Tonnen allein in Stade ist.


3. Welche weiteren Emissionen verursacht ein Kohlekraftwerk und sind diese gesundheitsbelastend?

Kohlekraftwerke nach dem Stand heutiger Technik setzen pro Jahr ungefähr folgende Schadstoffmengen frei:
- 600 kg Cadmium
- 600 kg Quecksilber
- 2100 kg Blei
- 200 kg Feinstaub
- 2000 Tonnen Schwefeloxide
- 2000 Tonnen Stickoxide
 

Selbstverständlich halten die Anlagen die gesetzlichen Grenzwerte ein und nach den Behauptungen der Betreiber ist auch in den Hauptniederschlagsgebieten – das ist vor allem die Haseldorfer Marsch an der anderen Elbseite – keine Gesundheitsgefährdung zu befürchten. Ärzteinitiativen warnen hingegen immer wieder vor der Gefahr von Allergien, Atemwegserkrankungen, Nervenkrankheiten und einem erhöhten Herzinfarktrisiko durch zusätzliche Luftschadstoffe – auch bei Unterschreitung der gesetzlichen Grenzwerte.

Nicht zu unterschätzen sind auch die Staub- und Feinstaubbelastungen insbesondere in der näheren Umgebung angesichts von 2,5 Mio. Tonnen Kohle pro Jahr und Anlage, die in allen Fällen auf offenen Halden gelagert werden sollen.


4. Welche weiteren Belastungen gibt es durch ein Kohlekraftwerk?

Nicht alles geht bei der Verbrennung in die Luft und wird über die 200 Meter hohen Schornsteine über die Landschaft verteilt. An Reststoffen fallen bei jedem Kraftwerk täglich rund 500 Tonnen Gips und 1200 Tonnen Filterstäube und Asche an, die zur Weiterverarbeitung bzw. zur Entsorgung weiter transportiert werden müssen. Geschieht dies auf dem Landweg, wovon auszugehen ist, so werden dafür bei jeder Anlage rund 300 Waggons oder 600 LKWs pro Woche benötigt – eine erhebliche Mehrbelastung für die Anwohner der Verkehrswege.

Und dann gibt es noch die Wärme: Es ist schon skandalös, dass nur rund 46% der Energie in Strom umgesetzt werden kann und der Rest als Abwärme vergeudet wird, weil hier aus betriebswirtschaftlichen Erwägungen Standorte gewählt werden, an denen eine Wärmenut-zung nicht möglich ist. Darüber hinaus wird mit dieser verschwendeten Energie auch noch die Elbe aufgeheizt und Tiere und Pflanzen in dem sensiblen Ökosystem geschädigt. Nach den Plänen von GdF Suez sollten z.B. 30 m3 pro Sekunde angesaugt und um 7,5° erwärmt der Elbe wieder zugeführt werden. Konkrete Angaben liegen von den anderen Betribern noch nicht vor, aber sie werden ähnlich aussehen. Welche Risiken sich vor allem aus der Kumulation der Anlagen hier und in Bruns-büttel auf engstem Raum ergeben, ist noch völlig ungewiss.


5. Nützen die Kraftwerke der Wirtschaftsentwicklung der Region?

Jedes der Kraftwerke bedeutet eine Investition von etwa einer Milliarde Euro. Das ist eine gewaltige Summe. Davon wird allerdings nicht viel in der Region Arbeitsplätze schaffen, denn die Technik wird international hergestellt, die Baumaßnahmen werden europaweit aus-geschrieben und für die Firmen aus der näheren Umgebung bleiben allenfalls kleine Hilfs-aufgaben übrig.

Im Betrieb wird ein Kohlekraftwerk etwa 60 – 100 Personen benötigen, und das sind über-wiegend Fachleute, die aus anderen Teilen Deutschlands hierher kommen werden. Den Ar-beitsplatzeffekt kann man also vergessen.

Der potentielle Schaden hingegen ist beträchtlich. Der Tourismus ist für Stade und das Alte Land inzwischen ein erheblicher Wirtschaftsfaktor. Wenn der Elberaum im Allgemeinen und Stade im Besonderen sich durch die Konzentration der Kraftwerke zum neuen Kohlenpott Deutschlands entwickelt, hat das Auswirkungen auf das Image der Region – und zwar keine guten. Das gilt erst recht, wenn weithin sichtbare Kühltürme gebaut werden und diese das Land mit Dampfwolken überziehen. Und wo schon ein Schmutzfink sitzt, kommen erfah-rungsgemäß andere hinterher (erstes negatives Beispiel ist bereits die Eisengießerei von Prokon).

Auch für den Obstbau drohen Risiken. Ob es durch die Emissionen zu Schädigungen insbe-sondere längerfristig zu Schädigungen der Böden, Pflanzen und Früchte kommen kann, ist ein bisher nicht erforschtes Gebiet. Auf jeden Fall drohen auch hier nachhaltige Imageschä-den, wenn in Zukunft Altes Land und Kohlerevier eins sind.


6. Sind neue Kohlekraftwerke nicht umweltfreundlicher als alte Anlagen?

Natürlich verursacht ein neues Kohlekraftwerk durch seinen höheren Wirkungsgrad weniger CO2 und Schadstoffe als alte Anlagen mit gleicher Leistung. Aber dafür müssten diese alten Anlagen auch abgeschaltet werden und keiner der Betreiber macht entsprechende Zusagen. Dow ersetzt zurzeit seine alten Gasturbinen durch neue, für ein etwaiges zusätzliches Kohlekraftwerk gäbe es jedoch keine Altanlagen, deren Abschaltung möglich wäre. Und Eon, die über etliche Altanlagen verfügen, machen dazu keine Aussagen und produzieren mit ihren abgeschriebenen, umweltbelastenden Altan-lagen weiter Strom, weil man damit wunderbar Geld verdienen kann. Und darum, und nicht um die Schonung der Umwelt geht es.


7. Gibt es nicht schon bald CO2-freie Kraftwerke?

Es gibt zwar Forschungen zur CO2-Abscheidung, der sogenannten CCS-Technik, aber wann diese serienreif sein wird, ist zur Zeit jedoch völlig ungewiss. Frühestens 2020 wird damit gerechnet und auch dann bleibt die weitere ungelöste Frage, ob es gelingt, eine dauerhaft sichere Speicherung der gewaltigen CO2-Mengen zu gewährleisten. Sowohl Eon als auch EnBW beteiligen sich jedoch nicht an diesen Forschungsprojekten und stehen den Plänen (berechtigterweise) eher kritisch gegenüber.

Ohnehin bestehen Zweifel, ob sich die CCS-Technik im Vergleich zu anderen Stromerzeu-gungsarten rechnen wird. Da die CO2-Abscheidung selbst sehr viel Energie verbraucht, sinkt die Effizienz der Anlagen um rund ein Drittel. Dass die hochgelobten Anlagen damit auf einen Effizienzgrad von maximal 35% wie in den 50er Jahren zurückfallen würden, sei nur am Rande erwähnt.


8. Aber brauchen wir nicht neue Kohlekraftwerke, damit die Lichter hier nicht ausgehen?

Die Energiekonzerne und die von ihr finanzierte Deutsche Energieagentur (dena) behaupten seit einiger Zeit, ein gleichzeitiger Ausstieg aus der Atomenergie und ein Verzicht auf den Bau neuer Kohlekraftwerke sei nicht machbar, weil dann die Lichter ausgingen. Die Studie der dena beruht zum Teil auf falschen Annahmen. Wenn die Grundsatzbeschlüsse der Bun-desregierung in die Realität umgesetzt werden, brauchen wir keine neuen Kohlekraftwerke als Übergangstechnologie, als da sind: - Senkung des Energieverbrauchs durch effizientere Technik und Haushaltsgeräte um 11% bis 2020, das ist allein die Kapazität von sieben Grosskraftwerken. - Erhöhung des Anteils aus erneuerbaren Energien bis 2020 auf 25% - Verdoppelung des Anteils der Energieerzeugung aus Kraft-Wärme-Kopplung auf 25%. Längerfristig kann der Anteil noch wesentlich weiter erhöht werden, wie man bei unseren Nachbarn in Dänemark und den Niederlanden sehen kann, die bereits einen Anteil von 40 bzw. 50% erreicht haben. Da hier durch Nutzung von Strom und Wärme der Gesamtnutzungsgrad auf rund 90% gesteigert werden kann gegenüber maximal 46% bei einem neuen Kohlekraftwerk, werden die CO2- und Schadstoffemissionen dadurch erheblich reduziert

Daneben wäre es erforderlich, kleine flexible Gaskraftwerke statt der großen Atom- und Koh-lekraftwerke zu bauen, um auf Versorgungsschwankungen reagieren zu können und die Speichertechnologien auszubauen, um ein besseres Lastmanagement zu entwickeln.

Technisch ist der Übergang möglich, nur setzen die Konzerne weiter auf Großanlagen mit Kohle – und vermehrt auch wieder Atom. An einer Alternativlösung mit einer Vielzahl von dezentralen Komponenten haben sie kein Interesse. Und leider tut die Bundesregierung auch nichts dazu um ihre lobenswerten Grundsatzbeschlüsse umzusetzen. Wenn Alternativen nicht gefördert und angepackt werden, steuern wir tatsächlich in die Versorgungslücke – wie die Konzerne sie sich wünschen.


9. Sind Gaskraftwerke eine Alternative?

Selbst wenn ein Gaskraftwerk nur zur Stromerzeugung genutzt wird und die entstehende Wärme nicht genutzt wird bzw. genutzt werden kann, sind dessen CO2-Emissionen nur etwa halb so hoch wie bei einem Kohlekraftwerk. Warum werden sie trotzdem nicht gebaut?

Zum einen behaupten die Betreiber, die Versorgungssicherheit mit Gas sei nicht sicher gestellt und wir begäben uns in Abhängigkeit von „den Russen“. Erstens heizt die Mehrheit der Bevölkerung mit Gas, das überwiegend importiert werden muss und trotzdem war hier noch nie von der Gefahr die Rede, dass wir demnächst alle im Kalten sitzen. Solange wir unsere Rechnungen zahlen, dürfte die Gefahr auch gering bleiben. Zweitens muss der Gas-verbrauch der Deutschen insgesamt gar nicht steigen, wenn parallel zur Strukturveränderung in der Stromwirtschaft Maßnahmen zur Minderung des Wärmebedarfs ergriffen würden. Hier besteht dringlicher Handlungsbedarf. Und drittens kommt nur ein Drittel des Gases aus Russland, etwa 25% aus Norwegen, immerhin rund 15% aus dem Inland und der Rest aus anderen Ländern. Der Eindruck, wir sind hier total von Russland abhängig, ist also falsch.

Das zweite Argument, Gas sei teurer, ist zurzeit zutreffend. Es ist allerdings die Frage, ob man dies nicht einerseits im Interesse des Klimaschutzes in Kauf nehmen muss und ob dies auf Dauer so bleiben wird. Schließlich planen die Betreiber über eine Nutzungsdauer von 50 Jahren und schon in 5 Jahren werden sie für die Emissionsrechte aus Kohlekraftwerken kräftig zahlen müssen, abgesehen davon, dass auch der Kohlepreis steigt, allein im Jahr 2007 um über 100%. Wenn sich die Betreiber da man nicht auch betriebswirtschaftlich verrechnen.


10. Was kann man tun?

Machen Sie den Betreibern deutlich, dass Sie mit deren Planung nicht einverstanden sind. Schreiben Sie Leserbriefe oder direkt an die Konzerne. Arbeiten Sie in den Bürgerinitiativen, die sich vor Ort gebildet haben, mit. Schreiben Sie im förmlichen Genehmigungsverfahren, das es für das Eon- und das Dow-Kraftwerk noch geben wird, Einwendungen.

Wechseln Sie den Stromanbieter, beziehen Sie in Zukunft nur noch Strom aus regenerativen Energien. Der Wechsel ist ganz einfach und kaum teurer. Wenn Sie Hausbesitzer sind, nutzen Sie ihre eigenen Möglichkeiten, Energie und Strom ein-zusparen: Verbessern Sie die Wärmedämmung ihres Hauses. Erkundigen Sie sich, wie die Bedingungen für eine Photovoltaikanlage bei ihrem Objekt aussehen.

Möglicherweise reicht das Alles direkt nicht aus, den Bau der Kohlekraftwerke zu verhindern. Aber vielleicht können wir die Umsetzung verzögern und die politischen, ökologischen und ökonomischen Rahmenbedingungen ändern sich, so dass die Betreiber doch noch von der Umsetzung ihrer Pläne Abstand nehmen.

 
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